LGBTQ und Kinderwunsch – voll verqueert?

Regenbogenfamilie
© Karolina Grabowska / Pexels – LGBTQ & Kinderwunsch – voll verqueert?

Familien existieren heute in den unterschiedlichsten Formaten. Von der Patchworkfamilie bis zur LGBTQ- oder Regenbogenfamilie. Von Alleinerziehend bis Co-Parenting. Mehrerziehend im Wechselmodell, Residenzmodell oder im Nest. Und nicht zu vergessen: die klassische Ein- bis Mehrkindfamilie mit Cis-Papa und Cis-Mama unter einem Dach. Ist sie heutzutage schon die Seltenheit?

Der Monat Juni steht als „Pride Month“ im Zeichen der Regenbogenflagge. Er ist die Zeit, um an Toleranz und Offenheit im Umgang mit sexueller Identität zu erinnern. Wie war das doch gleich mit der Vielfalt in unserer Gesellschaft? Diversity heißt der neue Slogan, den viele Unternehmen als Werbeschild hochhalten. Er ist kurz und beinhaltet doch vieles: Im Zentrum stehen sollen die Persönlichkeit und die  nahezu unveränderbaren Eigenschaften eines Menschen. So zum Beispiel Geschlecht, Alter, Herkunft, Religion oder sexuelle Orientierung. (Mehr dazu: charta-der-vielfalt.de)

Doch wie sieht es eigentlich mit der Akzeptanz von LGBTQ-Familien aus? Was, wenn queere Paare einen Kinderwunsch hegen? Finden sie die lauthals verkündete Toleranz in der Gesellschaft und steht ihnen rechtlich, wie auch gesellschaftlich der Weg zum Familienglück frei? Wir wollten das genauer wissen und haben recherchiert.

LGBTQ-Familie
© Karolina Grabowska / Pexels – Glücklich als Regenbogenfamilie

Was bedeutet LGBTQ?

LGBTQ ist die aus dem Englischen übernommene Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual,Transgender und dem Begriff Queer. Die Bezeichnung wird gelegentlich mit I und A ergänzt zu LGBTQIA, wobei I für Inter* und A für Asexuell steht. Folglich steht LGBTQIA für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, queere, inter* und asexuelle Menschen.

Vorab wollten wir für unsere Leser ein kleines Glossar der wichtigsten LGBTQ-Begriffe anführen. Aufgrund der Vielzahl an Begriffen wurde daraus eine stattliche Liste und diese könnte noch um dutzende Begrifflichkeiten ergänzt werden:

Das kleine LGBTQ-Alphabet

  • Aromantisch: Menschen, die sich selten oder nie in andere verlieben
  • Asexuell: Menschen, die keine sexuelle Anziehung zu anderen Menschen empfinden
  • Binär / binary: Geschlechtsidentität innerhalb der binären Geschlechterordnung; männlich oder weiblich
  • Bisexuell: sexuelle Anziehung wird zu beiden Geschlechtern empfunden
  • Cis / Cisgender: Geschlechtsidentität entspricht dem angeborenen Geschlecht
  • Cross-dressing: Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts
  • Homosexuell: sexuelle Orientierung zum jeweils gleichen Geschlecht
  • Heterosexuell: sexuelle Orientierung zum jeweils anderen Geschlecht
  • Homophobie: Ablehnung bzw. Feindseligkeit gegenüber homosexuellen Menschen
  • Inter* / intersexuell: Menschen, die geschlechtsspezifisch von Geburt an als „nicht eindeutig“ gelten
  • Lesbisch / lesbian: Frau, die sich sexuell vorrangig zu Frauen hingezogen fühlt
  • Nicht-binär / non-binary / enby: Geschlechtsidentität außerhalb der binären Geschlechterordnung, die weder ausschließlich männlich noch weiblich ist
  • Pansexuell: die sexuelle Orientierung definiert sich nicht über ein bestimmtes Geschlecht
  • Pride: (englisch: Stolz) dieser Begriff wurde von der LGBTQ-Gemeinschaft geprägt und steht dafür, dass queere Menschen selbstbewusst zu ihrer sexuellen Identität stehen sollen
  • Queer: Sammelbegriff für Personen, deren sexuelle Identität und/oder Orientierung keiner heterosexuellen oder cisgeschlechtlichen Norm entspricht
  • Regenbogenfamilie: Familie mit zwei gleichgeschlechtlichen Partnern
  • Schwul / gay: Mann, der sich sexuell vorrangig zu Männern hingezogen fühlt
  • Trans* / transgender: Sammelbegriff für Menschen, die sich nicht mit ihrem angeborenen Geschlecht identifizieren
  • Transsexuell: fehlende Identifikation mit dem angeborenen Geschlecht. Wegen der Endung „-sexuell“ ein häufig missverstandener Begriff, da es primär um die Geschlechtsidentität geht. Besser geeignet sind daher die Begriffe transgeschlechtlich oder Transidentität 
  • Trans-Frau: eine Person, die mit einem männlichen Körper geboren wurde, sich jedoch als Frau identifiziert
  • Trans-Mann: eine Person, die mit einem weiblichen Körper geboren wurde, sich jedoch als Mann identifiziert
  • Transvestit: ein eher veralteter Begriff, denn man heutzutage mit Cross-dressing umschreibt
  • * (Sternchen): Platzhalter für Selbstbezeichnung, als Zeichen für Vielfalt und Diversität, z.B. LGBTQIA* – aber nicht zu verwechseln mit den Gendersternchen: diese trennen weibliche und männliche Endungen: z.B: Kolleg*innen
Lesbisches Paar
© Anna Shvets / Pexels – Binär oder nicht? Ist das denn wichtig?

Wie können LGBTQ-Paare ihren Kinderwunsch realisieren?

Der natürliche Weg

Ein Großteil der Kinder, die in Regenbogenfamilien leben, wurde in vorausgegangenen Hetero-Beziehungen geboren. Somit entfallen reproduktionsmedizinische oder adoptionsrechtliche Fragestellungen. Möglicherweise steht an Stelle dessen die notwendige Klärung zum Umgangsrecht im Raum. Aber auch queere Frauen, sowie Trans-Männer, die ursprünglich im Körper einer Frau geboren wurden, können auf natürlichem Weg ein Kind zur Welt bringen, wenn die körperlichen und ggf. hormonellen Voraussetzungen passen.

Leihmutter & Samenspende

Nicht immer ist der Kinderwunsch über den natürlichen Weg realisierbar. So lässt sich zum Nachteil gleichgeschlechtlicher Paare nichts daran rütteln, dass man zum Kinderkriegen immer noch eine Frau und einen Mann braucht. Homosexuelle Paare greifen deshalb auch auf Leihmütter bzw. Samenspende zurück. In Deutschland jedoch ist die Leihmutterschaft nicht erlaubt, daher ist diese Option nur im Ausland möglich. Ein beschwerlicher Weg für schwule Paare mit Kinderwunsch.

Etwas einfacher ist es für lesbische Paare. Sie können in Deutschland eine Samenspende erhalten, sofern sie verheiratet sind oder in einer eingetragenen Partnerschaft leben. Aufgrund gesetzlicher Grauzonen trauen sich jedoch nicht alle Ärzte an dieses Thema heran. Diese Grauzone betrifft auch Singlefrauen, die eine Samenspende in Anspruch nehmen möchten.


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Künstliche Befruchtung

Die künstliche Befruchtung kommt in verschiedenen Formen (IUI, IVF oder ICSI) zum Einsatz. Künstliche Befruchtung erfolgt z.B. bei einer Samenspende oder aber auch im Fall einer Kryokonservierung eigener Eizellen oder Spermien. Die Kryokonservierung ist auch eine Möglichkeit für transsexuelle Personen, ihren Kinderwunsch nach der Transformation zu erfüllen.

Adoption

Scheiden eine natürliche Empfängnis und Geburt, sowie künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft und Samenspende aus, dann kann auch eine Adoption der Weg zum Familienglück sein. In Deutschland ist dies für gleichgeschlechtliche Paare seit 2017 möglich. Aber auch Einzelpersonen können ungeachtet ihrer Sexualität für eine Adoption zugelassen werden.

Co-Parenting

Beim Co-Parenting sind die biologischen Eltern eines Kindes kein Paar, sondern sie tun sich gezielt zusammen, um ein Kind zu zeugen. Eine Adoption, Leihmutterschaft oder Samenspende ist damit nicht notwendig. – Eine unkonventionelle Lösung für homosexuelle Menschen mit Kinderwunsch, die jedoch auch zu Nachteilen führen kann. So können in einer Konstellation mit drei oder vier Personen nur zwei Personen die rechtliche Elternschaft tragen, die mit entsprechenden Rechten und Pflichten verbunden ist.

LGBTQ-Paar
© Anna Shvets / Pexels – #pride

LBGTQ-Familien und ihr Kampf um Gleichstellung

Queere Paare und Regenbogenfamilien haben in den letzten Jahrzehnten viel für ihre Rechte und Gleichstellung innerhalb der Gesellschaft gekämpft. Insbesondere, was die Möglichkeiten zur rechtlich legitimierten Partnerschaft und der Familiengründung angeht, hat sich sehr viel getan.

Die Themen Heirat und Adoption sind beispielsweise noch sehr neu. Gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland haben rechtlich erst seit Oktober 2017 die Möglichkeit zu heiraten, sowie gemeinsam ein Kind zu adoptieren. Darüber hinaus ist es auch möglich, als Einzelperson ein Kind zu adoptieren. Die sexuelle Orientierung (homo- oder heterosexuell) darf hierbei keine Rolle spielen. So entscheid es der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bereits in 2008.

Bis heute werden in Deutschland per Gesetz nicht alle Familienformen berücksichtigt, so beispielsweise das Co-Parenting mit drei oder vier Bezugspersonen. Somit können nicht alle Beteiligten die gleichen Rechte und Pflichten teilen. In den Niederlanden wurde in der Vergangenheit bereits ein „Co-Parenting“-Gesetzesentwurf diskutiert, wonach bis zu vier Eltern erziehungsberechtigt sein können.

Regenbogenfamilien – von Stolz und Vorurteil

Trotz Pride und aller Errungenschaften haben queere Paare und LGBTQ-Familien immer noch mit vielen Vorurteilen und Hürden zu kämpfen. Dies reicht von der mangelnden Akzeptanz oberflächlicher Mitmenschen bis hin zu Homophobie und offenen Anfeindungen und nicht zuletzt zur Pathologisierung, etwa von transgender Personen.

Auch wenn medizinische Diagnosen klar belegen, dass es sich bei einer Trans*identität weder um eine Krankheit, noch um eine psychische Problemstellung handelt, kämpfen trans* Menschen auch heute noch um die Anerkennung ihrer Identität als Normvariante.

Ebenso sehen sich Regenbogenfamilien unbegründeten Infragestellungen des Kindswohls ausgesetzt. Dass geordnete Verhältnisse und eine glückliche Kindheit nicht vorrangig vom elterlichen Beziehungsstatus und deren Geschlechtsidentität abhängt, zeigen jedoch verschiedenste Aspekte:

6 spannende Fakten über Kinder aus LGBTQ-Familien

  1. Kinder von Homo-Eltern sind genauso häufig hetero, wie die Kinder von Hetero-Eltern.
  2. Kinder gleichgeschlechtlicher Eltern zeigen nicht häufiger Verhaltens- und Entwicklungsstörungen, als Kinder verschiedengeschlechtlicher Eltern.
  3. Insbesondere Kinder, die in einer Lebensgemeinschaft von zwei Frauen heranwachsen, weisen seltener ein genderspezifisches Rollenverhalten auf, als Kinder verschiedengeschlechtlicher Eltern.
  4. Kinder gleichgeschlechtlicher Eltern erleben in den meisten Fällen keine Diskriminierung.
  5. Wachsen Kinder und Jugendliche in einer Regenbogenfamilie heran, erleben sie ihre eigene sexuelle Orientierung vergleichsweise reflektierter.
  6. Kinder aus Regenbogenfamilien unterliegen grundsätzlich keinem höheren Risiko, Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, als Kinder aus einer heterosexuellen Partnerschaft.

Quelle: Regenbogenfamilie – Forschungen über die Lebenssituation | wikipedia.org

Homo-Paar mit Kind
© Karolina Grabowska / Pexels – LGBTQ & Kinderwunsch – voll verqueert!

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