Karriere oder Familie? Muss frau sich heute immer noch entscheiden?

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© nastya_gepp / Pixabay – Karriere oder Familie?

Ein Gastbeitrag von Birgit @ fibb.de

Heute ist es schon fast normal, dass Mütter und Väter arbeiten gehen. Allerdings ist es immer noch genauso normal, dass die Väter ganztags Karriere machen – und die meisten Mütter in Teilzeit irgendeinem weniger gut bezahlten Beruf nachgehen. Aber muss das wirklich so sein?

„Bei mir sollte das anders werden! Ich wollte Kinder und Karriere unter einen Hut bringen – da war ich mir ganz sicher.“

Im folgenden Beitrag berichtet die Vierfachmama und Online Marketing Manager Birgit Lorz von fibb.de, dem Frauen-im-Business Blog, über eines ihrer Spezialthemen: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Das Problem: Mütter sind immer noch die Verlierer

Mütter verdienen im Laufe ihres Berufslebens viel weniger als kinderlose Frauen. Je nachdem, wie viele Kinder einer Frau bekommt, kann sich das auf 48 % (in Ostdeutschland) und 62 % (in Westdeutschland) summieren. Gerade Mütter von drei oder mehr Kindern schneiden im Vergleich schlecht ab.

Das große Problem dabei ist und bleibt: Wer wenig verdient hat – bekommt später auch kaum Rente. So gehöht sich mit jedem Kind die Gefahr einer Altersarmut.

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Kinderbetreuung im Wandel der Zeit

Bei meinen Großeltern war das total klar: Opa verdiente das Geld – Oma kümmert sich um die Kinder. Selbst als die Kinder aus dem Haus waren, kam Oma nie auf die Idee arbeiten zu gehen. Bei meinen Eltern war das schon anders. Mein Vater arbeitete als Meister – meine Mutter ging bedienen. Klar, sie hatte ja 5 Kinder. Wie sollte sie da noch arbeiten gehen? Noch heute frage ich mich: Wieso hatte sie 5 Kinder? Waren es nicht beide, die diese Kinder hatten? (Anm. Windelprinz: Mehr darüber lest ihr in unserem folgenden Beitrag: Mental Load – Wie ich meinen Ballast über Bord warf)

Erst als meine kleinste Schwester über zwölf Jahre alt war, suchte meine Mutter sich eine Ganztagsstelle. Nun – mit über 40 – war sie natürlich schon viel zu lange aus ihrem gelernten Beruf heraus, so bliebt nur eine Hilfstätigkeit in einer Fabrik.

Noch heute bin ich meiner Mutter dankbar, dass sie ihr berufliches Vorwärtskommen hinten an gestellt hat – doch hatte sie denn eine andere Chance? Es war doch ganz normal. Frauen haben zu Hause zu bleiben.

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© ArtsyBee / Pixabay

Vereinbarkeit und Beruf und Familie heute

Bei mir sollte das anders werden! Ich wollte Kinder und Karriere unter einen Hut bringen – da war ich mir ganz sicher. Bis mein erster Sohn das Licht der Welt erblickte. Selbstverständlich ging ich drei Jahre in Elternzeit, selbstverständlich nahm mein Mann keine Elternzeit – und selbstverständlich waren alle meine Karriereambitionen vergessen. Aber warum? Warum ticken Mütter da plötzlich anders?

Nach der Geburt von Sohn Nummer zwei kam nach und nach mein Wunsch nach mehr wieder zum Vorschein. Ich war und bin gerne Mutter – aber doch nicht nur! Ich suchte nach Möglichkeiten, mich beruflich zu betätigen – in den engen Grenzen die mir unser Kindergarten vorgab. Nach längerem Suchen musste ich feststellen: Es gab viel zu wenige, viel zu schlecht bezahlte – und viel zu uninteressante Jobangebote. An diesem Punkt fing ich an, mich dafür zu interessieren, warum dies so ist.

Immer mehr Mütter gehen arbeiten

Laut untenstehender Statistik arbeiten in Deutschland mittlerweile 73,9 % aller Mütter mit Kindern unter 18 Jahren. Das ist eine enorme Steigerung im Vergleich zu den Zahlen vor zehn Jahren. Wenn ihr euch allerdings die Zahlen der arbeitenden Väter anschaut (92,4 %), ist sehr schnell zu erkennen, dass – wenn ein Elternteil zu Hause bleibt – es dann doch meist die Mutter ist.

Infografik: Immer mehr Mütter sind im Job | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Das schaut auf den ersten Blick nach Gleichberechtigung aus, meint ihr? Ja, es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wenn endlich Väter und Mütter arbeiten können – egal nach welchem Modell – ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung. Nur leider schaut die Realität anders aus. So wie bei mir eben auch. Die meisten Väter arbeiten nach wie vor Vollzeit und die meisten Mütter arbeiten nur noch Teilzeit.

Infografik: Beim Job stecken nach wie vor die Mütter zurück | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

So viel zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf – denn dieses Problem der Vereinbarkeit haben heute immer noch nur die Frauen. Die Väter können nach wie vor ihre Karriere voranbringen, weiterkommen – und trotzdem Kinder haben. Für uns Frauen schaut das auch heute noch anders aus!

In Deutschland sind Mütter immer noch Fachkräfte zweiter Wahl

Wie häufig wurde ich bei den – seltenen – Vorstellungsgesprächen gleich nach den Betreuungsmöglichkeiten für meine Kinder gefragt. Wie oft diese Frage wohl einem Vater gestellt wird? Selbstverständlich hatte ich für die jeweiligen Probleme eine Lösung – doch am Ende war das dem Arbeitgeber doch zu gefährlich. Denn wir Mütter können uns ja ein paar Tage „Kinder krank“ nehmen. Dass das Väter auch können, ist wohl in die meisten Führungsetagen noch nicht vorgedrungen.

Außerdem gibt es in Deutschland immer noch nur sehr wenige Teilzeitstellen, in denen Frauen, die etwas können, wirklich zeigen können, was sie so draufhaben. Leider sind Teilzeitstellen meist Hilfstätigkeiten. Denn auch heute wird es als normal angesehen, dass Führungskräfte in Deutschland Überstunden machen und auch am Wochenende durcharbeiten. Solange sich diese Ansicht in den Führungsetagen nicht ändert, können viele Mütter einfach nicht mithalten.

Chancen für Unternehmen und Mütter

Dass es auch anders geht, zeigen die mittlerweile 14,6 Prozent Chefinnen, die in Teilzeit arbeiten. Eine Möglichkeit, es auch weiteren Müttern zu ermöglichen, wäre die im Moment diskutierte Möglichkeit, eine Teilzeitstelle wieder in eine Vollzeitstelle zu ändern, sobald sich die Situation geändert hat.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass nicht die Präsenzzeit im Büro gesehen wird, sondern das Ergebnis der Arbeit. So ist das in den Niederlanden, Dänemark oder in Norwegen schon selbstverständlich, dass nach 17 Uhr niemand mehr im Büro ist. Bei uns in Deutschland sind dagegen viele Büros bis nach 18 Uhr noch besetzt. Wer in Deutschland eher gehen muss (weil die Kita eher schließt), wird als „unnormal“ angesehen. Wenn wir in Deutschland einen Wandel von der Anwesenheitskultur hin zur Ergebniskultur schaffen, haben auch Mütter wieder eine Chance im Managment.

Mögliche Ansätze für die Umsetzung

Gerade Corona hat uns gezeigt, dass es möglich ist, unabhängig von Ort und Zeit gute Ergebnisse zu liefern. In dieser Zeit haben wir bereits bewiesen, dass diese Punkte absolut umsetzbar sind, wenn die Unternehmen nur wollen:

Arbeitszeitmodelle müssen flexibler werden
In vielen Bereichen braucht es keine Anwesenheit von 8 bis 17 Uhr. Wieso sollen Arbeitnehmer nicht dann arbeiten können, wenn es ihr Tagesablauf zulässt? Selbstverständlich braucht es Kernzeiten (für Besprechungen, Rückfragen, etc.)

Ergebnisse sind mehr wert als die bloße Anwesenheit
Wenn ein Angestellter die Arbeit nachts schneller und genauer erstellen kann, als am Tag, wenn das Telefon dauernd klingelt. Was spricht dagegen? Natürlich muss die Erreichbarkeit dabei sichergestellt sein.

Kein Mitarbeiter muss 24/7 arbeiten
Diese Einstellung hat sich gerade in vielen Führungsetagen etabliert – doch das hält der Mensch auf Dauer nicht durch. Wem seine Mitarbeiter wichtig sind, muss dafür sorgen, dass sie sich regenerieren können.

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© nastya_gepp / Pixabay

Wie können auch Mütter wieder arbeiten?

Diese theoretischen Ansätze brauchen natürlich ihre Zeit, bis sie in den Unternehmen ankommen. Doch bis dahin können Unternehmen, der Staat und die Allgemeinheit einiges tun, um Müttern den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu erleichtern:

Einführen von Jobsharing
Gerade im Management muss manchmal sofort eine Entscheidung getroffen werden. Der Abteilungsleiter muss meist die gesamte Arbeitszeit ansprechbar sein. Das ist in den meisten Unternehmen so. Doch was hält das Unternehmen davon ab, diese Managementstelle mit zwei Teilzeitkräften zu besetzen? Diese Doppelspitze hat für das Unternehmen einen Vorteil: Wenn einer der beiden Führungskräfte nicht anwesend ist, kann die andere zumindest die wichtigsten Entscheidungen in ihrer Arbeitszeit treffen.

Zurückkehren auf die ehemalige Position muss ermöglicht werden!
Im Moment kann die Mutter nach der Elternzeit wieder in das Unternehmen zurückkehren. Welche Position sie danach bekommt, bleibt ungewiss. Nur eine „ähnliche“ Position ist ihr sicher.

Kinderbetreuung muss ausgebaut werden!
Theoretisch hat in Deutschland jeder ein Recht auf die Kinderbetreuung. Leider ist diese auf dem Land noch nicht wirklich angekommen und in Städten sind die Krippenplätze so rar, dass ihr euer Kind häufig schon anmelden müsst, bevor ihr überhaupt wisst, dass ihr schwanger seid.

Kinderbetreuung muss kostenlos sein!
Wenn ihr endlich einen Betreuungsplatz für euer Kind gefunden habt, bekommt ihr bei den Gebühren dafür meist einen echten Dämpfer. Wenn Mütter arbeiten gehen, um davon den Krippenplatz zu bezahlen – und danach mit viel Glück noch ein Taschengeld übrig haben, wieso sollen diese Mütter auf die Arbeit gehen?

Teilzeit muss für alle möglich sein!
Laut §§ 8 und 9a TzBfG gibt es mittlerweile schon ein Recht auf Teilzeit. Allerdings nur für Unternehmen mit mehr als 45 Angestellten. So sind die Mitarbeiter, die bei den vielen kleineren Betrieben arbeiten, außen vor. Das muss sich ändern!

Partnermonate müssen verlängert werden!
Die Vätermonate (interessant, dass es schon von vorneherein klar ist, dass die Väter diese beiden Monate nehmen) müssen auf sechs oder gar neun Monate erhöht werden. So haben auch die Väter eine Chance sich ausgiebig um das Kind zu kümmern – und junge Frauen nicht mehr das Problem, dass Männer immer bevorzugt werden (weil Frauen irgendwann in Elternzeit gehen könnten)

Ehegattensplitting muss abgeschafft werden!
Heute wird das komplette Gehalt eines Ehepaars versteuert. So hat der besser verdienende Teil einen Vorteil, da er meist die bessere Steuerklasse bekommt. Das Nachsehen haben meist die Mütter, da diese Teilzeit arbeiten – und so mit Steuerklasse fünf kaum etwas vom sowieso geringen Gehalt übrigbleibt.

Recht auf verkürzte Arbeitszeit
Auf Antrag können Väter und Mütter ihre Arbeitszeit auf 25, 30 oder 35 Stunden reduzieren. Dabei hat der Arbeitgeber keinerlei Chancen, sich zu entziehen. So könnten beide Elternteile gleichberechtigt sich um Kinder und Haushalt kümmern. Genauso hätten beide Eltern eine gleichberechtigte Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Homeoffice muss möglich werden!
Corona hat es gezeigt! Arbeiten von zu Hause aus ist in viel mehr Bereichen möglich, als wir uns gedacht haben. Wieso kann Mann und Frau nicht (zumindest teilweise) im Homeoffice arbeiten? Allerdings darf sich das Homeoffice (für Mütter) nicht wieder zu einem Wettbewerbsnachteil entwickeln. Denn nehmen nur Mütter das Homeoffice in Anspruch, könnten sie schnell wieder abgehängt werden.

Es gibt noch viel zu tun

Auch wenn schon viel in Richtung Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf passiert ist, leider tragen immer noch die Mütter die meiste Last. Um das zu ändern, müssen Regierung, Unternehmen und Väter umdenken. Doch dies werden sie nicht ohne einen gewissen Druck von euch Müttern tun. Nur gemeinsam sind wir stark!


Tipp: Lest dazu auch den folgenden Blog-Beitrag: Keine Kinder sind auch keine Lösung

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