Wer petzt, ist doof!

Kinder stärken
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Erst ab einem gewissen Alter sind Kinder fähig zur Selbstreflektion und Empathie, entwickeln ein Gespür für das soziale Miteinander, Fairness, sowie auch die Fähigkeit Konflikte zu lösen. Wie man Kinder in dieser Phase stärken und sie in Konfliktsituationen unterstützen kann, darum soll es in diesem Artikel gehen.

Das Leben ist kein Zuckerschlecken und vor dieser Erkenntnis können wir auch unsere Kleinsten nicht bewahren. Denn spätestens im Kindergarten, wo es keine ungeteilte Aufmerksamkeit mehr gibt und wo Spielsachen zu Nachfragegütern werden, entstehen die ersten handfesten Konflikte. Dass diese in gegenseitiger Empathie und erwachsener Reife ausgetragen werden, ist bei 1- bis 4-Jährigen eher selten der Fall.

Kratzen, Beißen, Schubsen…

Was das Thema Teilen angeht, konntet ihr in meinem Artikel Müssen Kinder teilen lernen? bereits einiges über die mentale Entwicklung von Kleinkindern lesen. Darunter auch, dass ein Kind sich erst mit ca. 4 Jahren, seiner eigenen Gefühle bewusst wird (Stichwort: Introspektion). Demzufolge kann ein Kind auch erst dann lernen, sich in die Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen.

„Damit sind Beißen, Kratzen, Schubsen und böse Worte also nicht die Folgen falscher Erziehung?“

Zunächst nicht. Zugegeben: Wenn eines meiner Kinder mit einer Kratzspur oder Bisswunde nachhause kommt, lässt mich das als Mutter keinesfalls kalt. Im Gegenteil! Trotzdem wäre es zu kurz gedacht, ein anderes Kind oder dessen Eltern als Sündenbock zu küren. Man muss differenzieren: Was die mentale Reife betrifft, liegen zwischen einem 3 und einem 6 Jahre alten Kind Welten.

Von Einsicht keine Spur?

Wie gerne würde man sich in vielen Situationen instinktiv schützend vor das eigene Kind werfen – oder wenigstens eine Form von Gerechtigkeit herstellen. Doch was ist Gerechtigkeit?

Wenn Kleinkinder alles, was unmittelbar zu ihrem Leben dazugehört, als Teil ihres „eigenen Selbst” verstehen, die Grenze zwischen ihnen und ihrer Umgebung noch unscharf ist, dann ergeben sich in ihrer Interaktion untereinander schnell Situationen, die als existenziell und bedrohlich empfunden werden. Wer dabei objektiv im Recht ist, ist oft ebenso wenig relevant, wie faktische Besitzverhältnisse und Ansprüche. Solche Themen werden von Kleinkindern häufig noch nicht verstanden.

Kinder verstehen
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Du entschuldigst dich jetzt!

Aus der Perspektive der Erwachsenen ergibt sich im Konflikt oft ein vermeintlich klares Bild von Täter und Opfer. Nicht selten wird das „Täter-Kind“ dann aufgefordert, sich beim Opfer zu entschuldigen. Dafür wird ein Kleinkind, das noch nicht über die Fähigkeit zur Empathie verfügt, jedoch wenig Verständnis haben. Aus seiner Sicht bestand kein Unrecht in seinem Handeln. Auch für das Opfer ist die erzwungene Entschuldigung kein großer Trost.

Das Handeln in diesem Alter ist selten langfristig und systematisch, sondern eher situativ. In den meisten Fällen kann man also davon ausgehen, dass keine planmäßige, böswillige Absicht bestand. Auch der Begriff „Mobbing“ ist bei 4-Jährigen und jüngeren Kindern daher noch nicht ganz passend. Die Frage ist allerdings: Macht es das Ganze besser? Schließlich gibt es trotzdem temperamentvollere, dominantere Kinder und die stilleren, zurückhaltenden, die unter diesen zu leiden haben.

Immer lieb sein!

Wichtig ist es darum, hinzusehen und Kräfteungleichgewichte zu erkennen. Doch anstelle von Anklage sind Erzieher und Eltern in solchen Situationen gefragt, den Kindern unparteiische Unterstützung in der Konfliktlösung zu geben. Dafür genügt es jedoch nicht, die Kinder dazu aufzufordern, lieb und nett zueinander zu sein.

„Entschuldigung“ und gut!?

Legitime Gefühle, wozu im Übrigen auch Aggression zählt, können nicht einfach beiseite geschoben und ignoriert werden. Vielmehr sollten Bezugspersonen sich mit den Gefühlen der Kinder auseinandersetzen – ganz egal, ob „Täter“ oder „Opfer“. Woher kommt die Angst? Woher die Wut? Hier sind Zuhören und echtes Interesse wichtig, denn Wertschätzung und der Dialog fördern ein gesundes Selbstwertgefühl und damit auch die soziale Kompetenz.

Wer petzt, ist doof…

Noch ein weiterer Punkt, über den ich mir aus aktuellem Anlass sehr viele Gedanken gemacht habe: Petzen. Denn: „Wer petzt ist doof und findet keine Freunde!“ Auch das lernt man bereits im Kindergarten. Und ja, Petzen fördert tatsächlich weder Freundschaft noch Beliebtheit. Aber was ist Petzen eigentlich?

Laut Wikipedia ist Petzen „…ein negativ konnotiertes vor allem in der Kinder- und Schülersprache gebräuchliches Wort für ‚verraten‘ oder ‚ausplaudern’…“. Damit sind wir wieder zurück beim Thema der Intro- und Extrospektion, denn als „Petzen“ wird ein bewusstes Verhalten zu Ungunsten anderer bezeichnet. Diese systematische Absicht verfolgen 1- bis 4-Jährige aber meist gar nicht. Sie verraten andere, wenn sie einen Konflikt nicht selbst lösen können.

Bläuen wir ihnen nun schon in diesem frühen Alter ein, dass Petzen nicht ok ist, vermitteln wir ihnen gleichermaßen, dass sie sich nicht hilfesuchend an Erwachsene wenden dürfen, wenn sie sich in einer Konfliktsituation oder in Gefahr befinden. Doch ist das nicht genau das, was wir uns eigentlich erhoffen!?

Sorgenfresser
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Kinder stark machen!

Wie also können wir unsere Kleinkinder stark machen und sie in Konfliktsituationen unterstützen? Hier meine persönlichen Erkenntnisse aus dem Alltag mit drei kleinen Kindern:

  1. Ein Bewusstsein für die Ich-Enwicklung bei Kleinkindern entwickeln*
  2. Konfliktsituationen nicht einfach unterbinden
  3. Wenn nötig eingreifen, indem unparteiische Hilfestellung bei der Konfliktlösung gegeben wird
  4. Kinder ermutigen, Erwachsene bei Gefahr und in schwierigen Situationen um Hilfe zu bitten.
  5. Um Hilfe bitten ist nicht Petzen!
  6. Zulassen von starken Gefühlen, wie Wut und Aggression**
  7. Zuhören!

Ergänzend möchte ich noch sagen, dass ich weder als Erziehungsratgeber agieren will, noch anderen Eltern suggerieren will, was richtig und falsch ist. Auch wir sind keine perfekten Eltern und das ist ok so. Wichtig ist es aber, unseren Kindern mit Wertschätzung zu begegnen und ihre Gefühle ernst zu nehmen. Auch jene Gefühle, die zu einem unliebsamen Verhalten führen. Das gelingt aus meiner Sicht leichter, wenn man die Schritte der mentalen Entwicklung kennt. Viele Verhaltensweisen, auch wenn sie uns nach wie vor auf die Palme treiben, lassen sich damit zumindest nachvollziehen und wir können als Eltern besser damit umgehen.

Möchtet ihr wissen, wie andere Eltern über das Thema denken? Dann lest die Beiträge aus Bella’s Blogparade „Kinder stark machen: Ja, aber wie?“ auf ihrem Blog familieberlin. Auch diesen Beitrag möchte ich der Blogparade widmen, in der Hoffnung, Bella damit ein paar positive und ermutigende Gedankenanstöße geben zu können.


Mehr zum Thema

*) Bereits in meinem Artikel Müssen Kinder teilen lernen? habe ich das Erziehungsbuch „Babyjahre“ von Remo Largo empfohlen. Der renommierte Schweizer Kinderarzt hilft Eltern, ihre Kleinkinder während der ersten vier Lebensjahre besser zu verstehen. Auch mir hat das Buch bereits sehr hilfeiche Erkenntnisse gebracht, insbesondere was das Thema der Intro- und Extrospektion betrifft.


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**) Zum Thema Wut und Agression bei Kindern habe ich für alle Interessierten einen weiteren Buchtipp, der bei mir zu einem Umdenken führte:


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Produktbeschreibung zu Jesper Juul’s Bestseller: „Aggression ist unerwünscht, in unserer Gesellschaft und besonders bei unseren Kindern. Aggressives Verhalten gilt als Tabu und wird diskriminiert. Was wir mit der Unterdrückung dieser legitimen Gefühle anrichten, wie wichtig es ist, diese zuzulassen und wie wir mit ihnen konkret umgehen können, zeigt der bekannte und erfolgreiche Familientherapeut Jesper Juul eindrucksvoll in seinem neuen Buch. Er plädiert für ein radikales Umdenken: Aggressionen sind wichtige Emotionen, die wir entschlüsseln müssen, sonst setzen wir die geistige Gesundheit, das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen unserer Kinder aufs Spiel.“

*) Affiliate-Links auf Partnerseite

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