Rezension: Mama, nicht schreien!

Mama, nicht schreien!

Buchrezension | Rezensionsexemplar*

Stress im Job, zu wenig geschlafen und keine Zeit für sich selbst. Und zur Krönung hat das Kind noch die Wohnzimmertapete mit Wachsmalstiften verziert. Wer von euch kennt es nicht? Da ist irgendwann einfach Schluss mit lustig. Der Geduldsfaden reißt.

Heute soll es mal wieder um um ein erzieherisches Thema gehen. Diesmal aber nicht mit dem Fokus auf Pädagogik, sondern auf Eltern und ihr Verhalten in Stress- und Konfliktsituationen. Dazu möchte ich euch das Buch „Mama, nicht schreien!“ von Bloggerin Jeannine Mik und Eltern-Coach Sandra Teml-Jetter vorstellen.

Kenne deine Trigger

„Das Kind schlägt oder wirft mit Spielzeug um sich.“ – „Das Kind wünscht sich etwas zu essen und isst es dann nicht.“ – „Das Kind lügt mich an.“ – „Ich habe es schon zum hundertsten Mal gesagt und rede gegen die Wand.“ – „Ich bin müde. Überfordert.“

Zahlreich und vielseitig sind die Gründe, weshalb Eltern manchmal einfach der Kragen platzt. Kommt euch die ein oder andere Situation in den Sinn, die das berühmte Fass bei euch zum Überlaufen brachte und ihr nicht mehr so reagiert habt, wie ihr es eigentlich gewollt hättet?

Das Buch „Mama, nicht schreien!“ regt dazu an, sich mit solchen Triggersituationen kritisch auseinanderzusetzen. Wann und warum reagieren wir wütend auf das Verhalten unserer Kinder? Und machen uns andere Menschen ähnlich wütend? Wie würden wir z.B. reagieren, wenn der Partner oder die beste Freundin sich etwas zu essen wünscht und es dann nicht isst?

Vordergründig soll es nicht darum gehen, wie man sich als Elternteil in verschiedenen Situationen adäquat zu verhalten und zu reagieren hat. Vielmehr sollen neue Wege aufgezeigt werden, mit den eigenen Emotionen umzugehen.

„Dein Kind darf alles fühlen – und du auch!“
Mama, nicht schreien!, Seite 47

Woher kommt sie eigentlich, die Wut in uns? Und wie kann man lernen, sie zu beherrschen? Um dies zu beantworten, ist es zunächst nötig zu verstehen, was mit dem Körper und im Gehirn geschieht, wenn wir Wut empfinden. Besonders entscheidend sind, laut Jeannine Mik und Sandra Teml-Jetter, die ersten neunzig Sekunden. Wie diese zu managen sind, erklärt der von den Autorinnen eigens entwickelte Notfallplan namens „C.I.A“. Lest im Buch, was sich dahinter verbirgt.

Hier bin ich, wer bist du?

Kommunikation ist der Schlüssel zu einem guten Miteinander. Das gilt natülich auch für die Art und Weise, wie wir mit unseren Kindern kommunizieren. Im Umkehrschluss führen Probleme in der Kommunikation zu Konflikten, die sowohl Eltern, wie auch Kind belasten. Im Buch werden darum die Sprache, wie auch die körperliche und geistige Haltung geprüft. Kann Unmut beispielsweise auch ohne Beschuldigung oder Abwertung des Gegenübers zur Aussprache gebracht werden? Gibt es Techniken für eine konstruktive, bejahende Kommunikation mit Kindern, die ohne ein „Nein“ in jedem zweiten Satz auskommt?

Vermutlich ein häufig unterschätzter Punkt, ist die Körperhaltung, in der Eltern mit ihren Kindern kommunizieren. Zugegeben habe auch ich mir bislang keine Gedanken darüber gemacht. Doch es lohnt sich, damit bewusst umzugehen. Es macht doch schließlich einen elementaren Unterschied, ob wir miteinander sprechen und uns dabei in die Augen sehen, oder ob wir quer durch den Raum schreien und dabei in unser Smartphone starren.

„Bewusste Eltern verbringen ihre Elternschaft auf Knien…“
Mama, nicht schreien!, Seite 79

Das Window of Tolerance

Jeder Mensch ist individuell. Das betrifft auch den Umgang mit Stress. Doch was tun, wenn die Reaktion auf Stress und verschiedenste Trigger-Situationen die Beziehung zum Kind (oder zu anderen Mitmenschen) negativ beeinflusst? Im Buch „Mama, nicht schreien!“ wird dazu das sogenannte „Window of Tolerance“ (oder auch Stresstoleranzfenster) erklärt, das vom amerikanischen Psychiater Daniel J. Siegel begrifflich geprägt wurde. Es wird anhand von Fragen dazu eingeladen, das eigene Stresstoleranzfenster kennenzulernen und dieses sukzessive zu erweitern.

Daneben liefert das Buch wertvolles Wissen über die Co-, Selbst- und Fremdregulation von Emotionen. Besonders zum Nachdenken angeregt haben mich die beiden folgenden Aussagen:

„Wenn das Kind auf die Welt kommt, kann es sich emotional nicht allein regulieren.“
Mama, nicht schreien!, Seite 104

Dass Kinder erst mit 3 oder 4 Jahren lernen, ihre Gefühle und Emotionen selbst zu regulieren, sollten Eltern kleiner Kinder am besten immer im Hinterkopf behalten. Gerade in schwierigen Situationen, z.B. wenn Kleinkinder in der Trotzphase sind, kann dieses Wissen ungemein helfen. Wissen allein genügt zwar noch nicht, Situationen zu entschärfen, es schafft jedoch Empathie und ein besseres Verständnis für das Verhalten von Kindern. Im Buch wird sehr plausibel erklärt, warum gerade in diesem Zusammenhang Bindung so wichtig ist.

„Nur wenn alle Gefühle sein dürfen, können Kinder lernen damit umzugehen.“
Mama, nicht schreien!, Seite 107

Kennt ihr die Situation: Ein Kind stößt sich oder stürzt und die erste Reaktion der Eltern, um das Kind zu beruhigen, lautet: „Nichts passiert. Gar nicht schlimm.“  Mit dieser Reaktion wird dem Kind klar gemacht, dass kein Raum für seinen Schmerz oder für negatives Empfinden ist. Die Empfindungen des Kindes werden nicht respektiert und seine Gefühle negiert. Im Buch wird sehr einleuchtend erklärt, wohin ein solcher Umgang mit Gefühlen führen kann.

Mama, nicht schreien!

Dein Selbst, deine Grenzen und dein Kreis

In einer gesunden Beziehung (auch Eltern-Kind-Beziehung), in der sowohl Verbundenheit, als auch Autonomie gewahrt sind, ist es wichtig, die persönlichen Grenzen des Einzelnen zu respektieren. Das Buch veranschaulicht dies sehr plastisch über das Bild des Kreises, einer gedanklichen Linie, die das eigene Ich von anderen abgrenzt. Tritt uns jemand zu nahe, bevormundet uns oder missachtet unsere Gefühle, so wird der Kreis überschritten.

Darüber hinaus zeigt das Buch „Mama, nicht schreien!“ das Bild vom intakten und vom unvollständigen Kreis auf. Damit wird einerseits zum Ausdruck gebracht, wie die Vergangenheit unser Verhalten beeinflusst, aber auch, wie Defizite auf unterschiedlichste Weise kompensiert werden.

Entelterung

Ein letzer Punkt, auf den ich, ohne zu spoilern, nur kurz eingehen will, ist das spannende Kapitel über „Entelterung“, dem von den Autorinnen eine Triggerwarnung vorangestellt wurde. Hier geht es um „alte Wunden“ und „den Einfluss unserer Ursprungsfamilien auf unser Verhalten als Erwachsene und die Art und Weise, wie wir Beziehungen gestalten….“ (Mama, nicht schreien!, Seite 173).

Zugegeben, kein leichtes Thema. Doch wer seine eigenen Verhaltens- und Beziehungsmuster analysieren und verstehen will, für den kann es sich lohnen, sich mit diesem Thema näher zu befassen.

Fazit

„Mama, nicht schreien!“ ist weder ein Eltern-Weichspüler, der nahelegt, Kinder in allen Dingen frei gewähren zu lassen, noch erhebt es die Hand gegen Eltern, die im Alltag mit ihren Kindern hin und wieder an ihre Grenzen stoßen. Prinzipiell geht es im Buch weniger um Kindererziehung, sondern viel mehr um Gefühle, Ängste und Trigger, sowie um Impulskontrolle und Kommunikation. Das Buch lädt auf empathische Weise zur Selbstreflexion und zur Erforschung der eigenen Gefühlswelt ein. Ein Lehr- und Arbeitsbuch, das über das Niveau eines praktischen Erziehungsratgeber hinausgeht.

Mein nahezu einziger Kritikpunkt ist der Buchtitel, der suggeriert, das Buch wäre vorwiegend an Mamas adressiert. Dabei sind Väter, wie Mütter gleichermaßen angesprochen. Vollkommen zu Unrecht verzichtet das empfehlenswerte Werk damit womöglich auf väterliches Leserpotenzial. Danke an Jeannine Mik und Sandra Teml-Jetter für diesen großartigen Elternratgeber!

Über die Autorinnen von Mama, nicht schreien!

Autorin Jeannine Mik (im Youtube-Viedo links) ist hauptberuflich Kommunikationstrainerin und betreibt den Blog Mini and Me. Co-Autorin Sandra Teml-Jetter (im Youtube-Viedo rechts) betreibt eine Coaching- & Beratungspraxis in Wien und ist dort als Einzel- und Paarcoach, sowie als Eltern- und Familienberaterin tätig.

Im oben verlinkten Youtube-Video stellen die beiden Autorinnen das Buch in wenigen Sätzen vor. Wenn ihr euch detaillierter mit dem Thema Conscious Parenting auseinandersetzen wollt, kann ich euch außerdem noch den Youtube-Channel Mini and Me by Jeannine von Jeannine Mik ans Herz legen. Bezogen auf das Buch empfehle ich euch vor allem aber das nachfolgende Webinar auf Youtube mit Sandra Teml-Jetter, in dem sie Antworten zu alltäglichen Erziehungsproblemen im Alltag ganz normaler Eltern gibt. Hier wird auch das Bild vom „Kreis“ sehr gut erklärt.

Mama, nicht schreien!*

Liebevoll bleiben bei Stress, Wut und starken Gefühlen

Autoren: Jeannine Mik, Sandra Teml-Jetter
Paperback: 224 Seiten
Verlag: Kösel-Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-466-31113-2
Größe: 13,5 x 21,5 cm
Erscheinungsdatum: 27. Mai 2019

Wo ist das Buch erhältlich?

Erhältlich ist das Buch direkt beim Kösel-Verlag, sowie regulär im Buchhandel oder bei Amazon, z.B. über den nachfolgenden Affiliatelink.

Wusstet ihr übrigens…

…dass der Hashtag #consciousparenting mit 198.328Beiträgen (Stand: 16.10.2019) eines der Schlagworte für den propagierten Erziehungsansatz darstellt?

Mama, nicht schreien!

*) Ein herzliches Dankeschön  an die Verlagsgruppe Random House für das Rezensionsexemplar.


Diese Buchvorstellung spiegelt eine kritische, unverfälschte und unkäufliche Meinung wieder. Alle Produkttests, Produktvorstellungen und Rezensionen auf windelprinz.de folgen diesem Grundsatz.

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