Nur ein Gläschen Sekt…

FAS - Fetales Alkoholsyndrom
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Sätze wie diesen hören Schwangere und stillende Mütter leider zu oft. Besonders jetzt, wo feierliche Anlässe, wie Weihnachten und Silvester ins Haus stehen. Trotz aller Aufklärung wird der Alkoholkonsum während der Schwangerschaft und Stillzeit auch heutzutage immer noch verharmlost und bagatellisiert. Dabei sind die Risiken fatal…

FAS – Das fetale Alkoholsyndrom

58 Prozent aller werdenden Mütter in Deutschland konsumieren während der Schwangerschaft gelegentlich Alkohol. Das ergab eine Studie der Berliner Charite. Viele unterschätzen, welche Auswirkungen dies zur Folge haben kann. Denn bereits kleine Mengen bergen ein hohes Risiko für lebenslange Schäden beim ungeborenen Kind. Das Spektrum ist groß. Es reicht von körperlichen Fehlbildungen, oft einhergehend mit charakteristischen Auffälligkeiten im Gesichtsbereich, über Wachstums- und Entwicklungsstörungen, bis hin zu Schädigungen von Gehirn und Nervensystem.

Auch psychosoziale Einschränkungen, Intelligenzminderung, Konzentrations- und Lernschwierigkeiten sind typisch. Viele Symptome sind auf den ersten Blick zunächst nicht sichtbar. Sie werden unter dem Begriff „Fetale Alkoholspektrumstörungen“, kurz FASD (engl. Fetal Alcohol Spectrum Disorder) zusammengefasst. – Was viele Menschen nicht wissen: In Deutschland zählen diese zu den häufigsten angeborenen Behinderungen.

Jede Stunde kommt in Deutschland ein Kind mit unheilbaren Alkoholschäden auf die Welt.
Quelle: ÄGGF

FAS, das fetale Alkoholsyndrom, gilt als Vollbild der vorgeburtlichen Schädigung bedingt durch mütterlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft. Hier kommen per Definition bestimmte Symptome zusammen. Dazu zählen Wachstumsstörungen mit den typischen Auffälligkeiten im Gesicht. Charakteristisch sind u.a. eine schmale Oberlippe, eine kleine, flache Nase, kurze Lidspalten und breiter Augenabstand. Weiterhin müssen mindestens drei weitere Auffälligkeiten des zentralen Nervensystems vorliegen.

Laut dem Drogen- und Suchtbericht 2018 gehen Schätzungen davon aus, dass pro Jahr etwa 10.000 Babys in Deutschland mit alkoholbedingten Folgeschäden geboren werden. Wie es dazu kommen kann und warum Frauen während der Schwangerschaft Alkohol trinken, schildert uns hier im exklusiven Interview die Journalistin Dagmar Elsen. Sie ist die Initatorin der FAS-Aufklärungskampagne „Happy Baby No Alcohol“.

Dagmar Elsen
Dagmar Elsen – Happy Baby No Alcohol

Unbekannt und unterschätzt – Dagmar Elsen über FAS (1 / 2)

Stefanie: Liebe Dagmar, mit „Happy Baby No Alcohol“ hast du eine Aufklärungskampagne initiiert, die das Ziel hat, über FAS(D) zu informieren, Schwangere über die möglichen Auswirkungen des Alkoholkonsums auf ihr ungeborenes Baby aufzuklären und damit ungeborenes Leben zu schützen. Ist das denn heutzutage tatsächlich noch immer nötig?

Dagmar: Zu meinem eigenen Entsetzen leider ein klares JA! Es ist eine unglaubliche Tatsache, dass immer noch knapp die Hälfte der Deutschen nicht weiß, was es mit dem Fetalen Alkoholsyndrom auf sich hat. Offizielle Studien bestätigen das und nicht minder meine, durch die Kampagne gesammelten Erfahrungen. Es besteht allenfalls ein diffuses Wissen, dass Alkohol schädlich ist, aber welche Auswirkungen das hat, ist den wenigsten bewusst.

44 % der Bevölkerung wissen nicht, dass Alkoholkonsum in der Schwangerschaft zu lebenslangen Behinderungen führen kann.
TNS Infratest 2014, Quelle: Drogen- und Suchtbericht 2018

Kaum jemandem ist klar, dass schon ein Glas Wein oder Sekt ausreichen kann, dem Ungeborenen schwerste lebenslange Schäden zuzuführen. Und die wenigsten wissen, dass Alkohol ein Zellgift ist, das die Zellteilung verhindert und insbesondere zu nachhaltigen Hirnschäden führt. Das Fetale Alkoholsyndrom kommt zehnmal häufiger vor als das Down Syndrom und gilt als weltweit die häufigste geistige Behinderung. Und das, obwohl FAS zu 100 Prozent vermeidbar wäre.

Embryo
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FAS – Erfolgreich ignoriert

Das macht wütend. FAS ist keine Laune der Natur wie bei anderen Syndromen. Ein FAS entsteht allein aufgrund von Alkoholgenuss und der damit verbundenen Unwissenheit in der Gesellschaft. Das liegt unter anderem daran, dass das Thema in der Öffentlichkeit nicht wirklich angepackt wird. Bis zum heutigen Tag ist von der Bundesregierung nicht im geringsten versucht worden großflächig aufzuklären, so wie beispielsweise mit der Kampagne „Keine Macht den Drogen“. Es wird ja nach wie vor sogar erfolgreich verhindert, dass alkoholhaltige Getränke warnende Piktogramme für Schwangere erhalten – so wie das beispielsweise in Frankreich oder Spanien schon lange der Fall ist.

Es stellt sich doch, jenseits persönlicher Abhängigkeitsdramen, wirklich die Frage: Welche Mutter trinkt ihr Kind absichtlich behindert, wenn sie weiß, wie gefährlich Alkohol in der Schwangerschaft für ihr ungeborenes Kind ist?

Wenn ich an all die verzweifelten Mütter denke, die mir geschrieben haben, dass sie sich haben verleiten lassen Alkohol in der Schwangerschaft zu trinken, weil ihr Umfeld auf sie eingeredet hat, dass „ein Gläschen schon nichts schade“ – mit dem Argument „ich habe drei Kinder groß gezogen, die alle Abitur gemacht haben, obwohl ich während der Schwangerschaft immer wieder etwas getrunken habe.“ Und jetzt? Jetzt haben sie ein Kind mit FAS. Die Verwandtschaft, der Freundeskreis will es nicht glauben, diskreditieren die Mutter, die aber genau weiß, was Sache ist, sich nun gesellschaftlich isoliert und allein gelassen fühlt. Da hilft oft genug noch nicht einmal die vorgelegte FAS-Diagnose von Fachleuten. Unfassbar!

Alkohol in der Schwangerschaft
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Tradition mit schweren Folgen

Apropos gesellschaftliche Isolation – so viele Schwangere und stillende Mütter haben mir erzählt, dass sie auf Partys, Hochzeiten, etc. als Spaßbremsen verachtet und ausgegrenzt wurden, wenn sie sich geweigert haben mit dem Gläschen Prosecco anzustoßen. Gar dadurch Freunde verloren haben. Wollten sie erklären, warum sie das nicht möchten, welche Gefahren es für das Baby birgt, habe das keiner wissen wollen, sei es als lächerlich abgetan worden.

Absoluter Alkoholverzicht in der Schwangerschaft verhindert FASD zu 100% und kostet nichts!
ÄGGF

Derlei Verhalten liegt leider an den tradierten, von einer an die andere Generation weiter gegebenen Vorstellungen, dass ein bisschen Alkohol nicht schade. Ich möchte hierbei klar stellen, dass ich diese überlieferten Vorstellungen niemandem zum Vorwurf mache. Ich mache zum Vorwurf, dass man sich gegen neuere wissenschaftliche Erkenntnisse so vehement verschließt. Allen voran die, die mit der Thematik konfrontiert sind: Ärzte, Hebammen, Pädagogen, Sozialarbeiter, Erzieher, Therapeuten, Psychiater und nicht zuletzt Politiker.

Wieso ist das Fetale Alkoholsyndom, für das die WHO aufgrund der weltweit dramatischen Entwicklungen 2012 Richtlinien zur Diagnostik herausgegeben hat, nicht angemessen aufgegriffen worden, um flächendeckende Aufklärungsarbeit zu betreiben? Schlussendlich jedoch ist es auch nicht mit Aufklärungsarbeit allein getan.

FAS - Fetales Alkoholsyndrom
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FAS als Modekrankheit

Es weiß kaum jemand, dass wir, so die Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, round about 1,5 Millionen Menschen in Deutschland haben, die unter fetalen Alkoholschäden leiden. Jedes Jahr kommen wieder weit mehr als 10.000 neue Fälle dazu. Sehr viele von ihnen sind gar nicht diagnostiziert. Und selbst wenn sie von ausgewiesenen FAS-Fachleuten diagnostiziert worden sind, stellen sich sogar Mitarbeiter der Jugendämter oder Kinderärzte hin und behaupten: „FAS? – Das gibt es nicht. Das Kind hat ein paar Probleme, ja, aber die sind seiner Biografie geschuldet. Ansonsten ist das Kind gesund.“ Oder FAS wird als „Modekrankheit“ herabgesetzt.

Wenn ich das nicht schon selbst in meinem Umfeld immer wieder erlebt hätte, und nicht immer wieder aufs Neue von Betroffenen erzählt bekäme – ich würde ich es nicht glauben wollen.

FAS und der Kampf um Anerkennung

Und diese beschriebene Ignoranz zieht nach sich, dass Betroffene und ihre Familien einen leidvollen und anstrengenden Kampf um die Anerkennung der Behinderungen bei den Behörden, Kindergärten, Schulen, Ärzten, Therapeuten, etc. führen, der sie oft genug bis an den Rand der Verzweiflung treibt. Dabei bräuchten sie allesamt größtmögliche Unterstützung und Förderung, um eine Chance für ein einigermaßen gutes Leben zu bekommen. Eine Mutter sagte mal den symptomatischen Satz zu mir:

„Der Kampf um die Anerkennung und Unterstützung der Behinderung meiner Tochter kostet mich mehr Kraft, als die Fürsorge meines Kindes, und beraubt mich obendrein wichtiger Ressourcen für meine Tochter.“

In diesem Zusammenhang möchte ich betonen: Erwiesen ist – je früher die Hilfestellungen geleistet werden, desto größer gestalten sich die Chancen für die Betroffenen auf ein zufriedenes und glückliches Leben im Kreise der Gesellschaft. Wie bitter also, dass es oft genug für die Betroffenen noch schlimmer kommt, wenn sie keine Anerkennung und damit Untertützung erhalten. Sie entwickeln Sekundärstörungen wie beispielsweise Depressionen.

FAS
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Alkohol als Hausmittel

Stefanie: Immer wieder höre und lese ich, dass Schwangere den Rat erhalten, vor der Geburt Alkohol zu konsumieren. Beispielsweise um die Geburt einzuleiten. Nicht selten sind auch Tipps wie das berüchtigte Glas Sekt direkt nach der Entbindung, um vermeintlich den Milcheinschuss anzuregen. Teilweise sollen solche Tipps sogar von medizinisch-geschultem Fachpersonal geäußert werden.

Dagmar: Das ist leider erschauernde Realität. Ich bin immer wieder erschüttert, wie oft Frauen von derlei Erlebnissen beim Arzt, der Hebamme, in der Klinik, der Apotheke selbst noch zu den heutigen Zeiten berichten. Ich selbst kann mich gut erinnern, dass die Generation meiner Großmütter behaupteten, Bier treibe den Milcheinschuss. Und es hält sich allerorten immer noch hartnäckig die Mär, dass ein Glas Rotwein in der Badewanne wehenförderlich sei. Kürzlich schrieb mir die Mutter eines Säuglings, dass sie im Krankenhaus, weil das Kind partout nicht kommen wollte, gleich drei Wehencocktails mit jeweils einem Piccolo Sekt hintereinander weg verabreicht bekam.

Ach, und als ich kürzlich für meinen Blog-Beitrag zum Thema Stillen und Alkohol recherchierte, stolperte ich über Ratgeber, die fürs Packen der Kliniktasche unter „Sonstigem“ tatsächlich neben Entspannungsmusik, Bonbons, Smartphone auch die „kleine Flasche Sekt zum Anstoßen nach der Geburt“ auf der Liste der Dinge stehen hatten, die man „auf jeden Fall dabei haben“ sollte…

Alkohol in der Schwangerschaft
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Hier geht es zum FAS-Interview Teil 2: „Happy Baby No Alcohol“

Happy-Baby-No-Alcohol

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