Innovationen?! Kein Babykram.

Windel
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Was haben ein Industrieroboter und eine Babywindel gemeinsam?

Jede Menge! Wöllte man ohne lange nachzudenken einen gemeinsamen Nenner finden, so könnte man augenzwinkernd statuieren: Beide dienen der Erledigung „kleiner und großer Geschäfte“.

Bei ernsthafter Recherche finden sich allerdings echte Parallelen, angefangen von einer Gemeinsamkeit in ihrer Geschichte: Beide sind Erfindungen der 50er Jahre.

Doch mit der bloßen Erfindung war es in beiden Fällen noch nicht getan. Beide Produkte entwickelten sich zu Innovationen. Sie haben die Welt nachhaltig verändert, neue Freiheiten, Möglichkeiten und Fortschritt geschaffen – aber auch Kritik und Fragestellungen mit sich gebracht. So unterschiedlich die Branchen beider Produkte sein mögen, so wesentlich ist ihre Gemeinsamkeit Im Bezug auf  Innovationen bis heute: Die Konsumgüterindustrie für Babyprodukte verfolgt – ebenso wie die Automatisierungstechnik – das Ziel, innovative Produkte auf den Markt zu bringen.

Was aber macht eine echte „Innovation“ aus?

Innovation
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Von der Erfindung zur Innovation

Die Begrifflichkeit „Innovation“ leitet sich vom lateinischen Verb innovare (erneuern) ab. Somit stellen Innovationen im Grundcharakter Neuerungen oder Neuheiten im Bereich Güter, Dienstleistungen oder Verfahren dar. Unter einem ökonomischen Aspekt werden Neuheiten allerdings erst dann zu Innovationen, wenn daraus ein erkennbarer Nutzen oder Mehrwert entsteht, der zu einer Marktdurchdringung (Diffusion) führt. Manchmal wird der Nutzen einer Erfindung erst Jahre oder Jahrzehnte später erkannt. Oder eine Erfindung entwickelt sich erst mit der Zeit zu einem wirklich nützlichen und marktreifen Produkt.

Windel
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Die Einwegwindel wurde bereits in den frühen 50ern von der Amerikanerin Marion Donovan (1917-1998) erfunden. Leider konnte sich die Erfindung zunächst nicht am Markt etablieren. Etwa 10 Jahre später entwickelte der Chemieingenieur Victor Mills (1897-1997) ein ähnliches Produkt, das von Procter & Gamble vermarktet wurde und unter der Marke Pampers zu einer Erfolgsgeschichte wurde. Nach dem Durchbruch der Einwegwindel, wurden die bis dahin gängigen Stoffwindeln, die zeitaufwändig und mühsam durch Auskochen gereinigt werden mussten, nach und nach abgelöst und vom Markt verdrängt. Damit kann man im Fall der Einwegwindel von einer disruptiven Innovation (englisch to disrupt = unterbrechen, stören) sprechen.

Kleine Windel-Chronologie

50er Jahre: Erfindung der Einwegwindel
1961: Markteinführung der Pampers in den USA
1971: Klebestreifen ersetzen die Sicherheitsnadeln, die bisher als Verschluss dienten
1973: Markteinführung der Pampers in Deutschland
1986: Markteinführung der „Superabsorber“
90er Jahre: Elastische Beinbündchen und wiederschließbare Klettverschlüsse erhöhen den Komfort

Pampers Windeln 1973 & 2002 im Vergleich
© P&G – „Pampers Windeln 1973 & 2002 im Vergleich“

Windeln von heute

Nach dem Marktdurchbruch der Einwegwindel wurde deren Herstellung zunehmend industrialisiert. Heutzutage existieren zahlreiche Windelmarken (wie z.B. Pampers, Huggies, Babylove, Lillydoo), sowie auch Varianten (wie z.B. klassisch mit Klettverschluss, Panties oder Schwimmwindeln). Diese wiederum unterschieden sich in ihren Materialien und Rezepturen.

Windelproduktion
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Grundlegend bestehen die meisten heutigen Einwegwindeln aus einer Polyethylen-Außenhülle (PE) und einem Saugkörper aus Zellstoffmaterial. Um eine hohe Saugfähigkeit zu erreichen und große Flüssigkeitsmengen aufzunehmen ist im Kern der Windeln ein Granulat enthalten. Hierbei handelt es sich um einen sog. „Superabsorber“ aus Polymersalzen. Superabsorber nehmen die Flüssigkeit auf und binden sie in Form eines Hydrogels. Sie sind erst seit 1986 auf dem Markt und haben die Einwegwindel, die bis dato einen Zellstoffkern hatte, nochmals nachhaltig revolutioniert.

Pampers Anzeige 1987
© P&G – „Pampers Anzeige 1987“

Zahlen, Daten & Fakten

  • 5 – 6 Windeln benötigt ein Kind pro Tag.
  • Neugeborene benötigen 6 – 8 Stück.
  • Das Fassungsvermögen einer modernen Einwegwindel beträgt – dank Superabsorber – bis zu 500ml.
  • Der Stückpreis variiert derzeit von 0,10 EUR (Eigenmarke, Discounter) bis 0,43 EUR (Markenwindel, große Größe, Kleinpackung) pro Windel.
  • Bei Ökowindeln liegt der Stückpreis teilweise sogar bei 0,50 EUR.

 

Stoffwindel 2.0? Re-Innovationen & Revivals

Nicht selten geschieht es, dass altbewährte, vermeintlich in Vergessenheit geratene Produkte oder Lösungen wiederentdeckt und zeitgemäß adaptiert werden. Man spricht hier von einer Re-Innovation. Ein solches Phänomen lässt sich in den letzten Jahren bei der Stoffwindel feststellen.

Nachdem Einwegwindeln bereits häufig aufgrund von Inhaltsstoffen (wie z.B. Erdöl) in Diskussion standen und ein enormes Müllaufkommen mit sich bringen, sind mit angestiegenem Bewusstsein viele Verbraucher kritisch gegenüber den Wegwerfwindeln eingestellt. Es hat sich langsam aber sicher wieder ein Markt für wiederverwendbare Windeln etabliert. Der Fokus liegt auf Nachhaltigkeit, Verträglichkeit und Schadstoff-Freiheit.

Obwohl durch die Reinigung von Stoffwindeln jede Menge Abwasser anfällt, fällt die Ökobilanz der Stoffwindel keinesfalls schlechter aus, als die der Einwegwindel. Denn neben der offensichtlichen Entsorgungsproblematik, beansprucht eine Einwegwindel bereits für die Produktion ein hohes Maß an Ressourcen wie Holz, Wasser und Energie. Insbesondere die Zellstoff-Herstellung erfordert sehr viel Wasser, sowie einen hohen Chemikalieneinsatz


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Ökobilanz: Kritik als Innovationstreiber

Innovation können Veränderungen auf verschiedenen Ebenen herbeiführen. Das kann ein technischer Fortschritt sein, eine qualitative Verbesserung an Produkten oder auch eine quantitative Verbesserung (z.B. Ausbringungsmenge in der Produktion). Bei allem Segen können Innovatinen aber auch kritische Begleiteffekte, soziokulturelle und ökonomische Auswirkungen mit sich bringen. Bei der Einwegwindel liegt ein kritischer Begleiteffekt ganz klar in der Ökobilanz.

Etwas Statistik…

  • In 2016 wurden in Deutschland 792.131 Babys geboren (www.destatis.de).
  • Über 90% der deutschen Eltern wickeln mit Einwegwindeln.
  • 5.000 – 6.000 Windeln benötigt ein Kind, bis es trocken ist.
  • Davon über 2.200 Windeln alleine im 1. Jahr.
  • Im Durchschnitt produziert ein Kind rund 1 Tonne Windelmüll.
  • Über 8 Millionen Windeln landen täglich in deutschen Mülleimern.
  • Der Windelanteil am Hausmüll wird auf 6% geschätzt.
  • Der Abbau einer Einwegwindel dauert 400 Jahre und länger.

Dieses Problem ist zugleich ein Impulsgeber, der bereits zu neuen innovatioven Ideen und Ansätzen geführt hat. So stellt das japanische Unternehmen Super Faiths Inc. Brennstoff-Pellets für Biomasse-Heizkessel aus getrockneten und sterilisierten, klein geschredderten Windeln her. Und auch in Deutschland am Bodensee dient bereits seit 2006 ein Windelverbrennungsofen namens „Windel-Willi“, entwickelt von der Stiftung Liebenau, der alternativen Energiegewinnung. Fairerweise muss man aber hinzufügen, dass in beiden Fällen der Fokus auf eher Inkontinenzprodukten, sprich Erwachsenenwindeln, liegt. Diese verfügen über einen höheren Zellstoffanteil als Babywindeln und lassen sich zudem gezielt in Betreuungseinrichtungen sammeln.

Ökowindeln: Trends & Wandel

Trends stehen im Allgemeinen für eine erkennbare Entwicklung in eine bestimmte Richtung. Ein Trend stellt in sich keine Innovation dar, kann aber richtungsweisend für Innovationen wirken. Insbesondere langfristige Trends liefern die Grundlage für innovative Produkte und Lösungen.

Ein klarer Trend der letzten Jahre ist das gestiegene Verbraucherbewusstsein für Umweltschutz, Nachhaltigkeit und soziales Handeln. Vielleicht darf man mit Vorsicht äußern, dass es sich hier mittlerweile um existenzielle Leitsätze und eine neue Denkweise handelt. Im Bezug auf Windeln hat dieses Umdenken, neben dem Revival von Stoffwindeln, einen Markt für ökologische Alternativprodukte geschaffen. Ökowindeln bestehen aus einem höheren Anteil an nachwachsenden Rohstoffen und biologisch abbaubaren Bestandteilen. Sie sind jedoch auch etwas teurer als konventionelle Einwegwindeln.

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Eine spannende Frage bleibt, ob Ökowindeln aus ihrer Marktnische heraus in Zukunft noch skalieren werden. Da der Markt mit den beliebten Pampers-Produkten zu über 70% durch den Quasimonopol-Anbieter Procter & Gamble bedient wird, stellt dies eine große Herausforderung dar. Speziell Windeln werden mit starkem Markenfokus gekauft.

Innovationen der Zukunft?
ODER: Die Zukunft der Innovationen?

Auch wenn Stoff- und Ökowindeln jeweils nur einen kleinen Anteil am Gesamtmarkt darstellen, so sind auch die großen Anbieter und Marktführer zunehmend gefordert, sich den zukunftsweisenden Themen zu widmen und Standards (wie beispielsweise den OEKO-TEX Standard 100) zu erfüllen.

An Kriterien wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit kommen Innovationen von heute und morgen kaum noch vorbei. Denn die Innovationstreiber unserer Zeit sind nicht alleine der Wettbewerb, technischer Vorsprung und ökonomische Faktoren, sondern ein Verantwortungsbwusstein für die Welt von Morgen!

Widmung

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade „Innovationen?!“, ausgerichtet vom Zeppelin Museum Friedrichshafen.

Hashtags: #innovationen und #zeppelinmuseum

Eigentlich wollten wir, als Onlinemagazin mit dem Namen „Windelprinz“ schon lange einen Artikel über Windeln veröffentlichen. Die Blogparade hat uns dazu motiviert, diesen Plan in die Tat umzusetzen und das Ganze unter dem Aspekt von Innovationen zu betrachten. Der Artikel soll mitunter aufzeigen, dass Innovation nicht nur im Hightech Umfeld zu finden sind, sondern in allen Bereichen des Alltags, wie auch der Babypflege.

Ein herzliches Dankeschön für den innovativen Impuls zur Auseinandersetzung mit diesem Thema!

Stefanie | windelprinz.de

Mehr spannende Infos rund um die Windel:
zeit.de – ZEIT ONLINE: „In Windeln gewickelt“
zdf.de – WISO vom 11. September 2017: „Schon gewusst: Wegwerfwindeln“

One Reply to “Innovationen?! Kein Babykram.”

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