Elternzeit für Väter: Warum so wenige sie wirklich nehmen – und was sich endlich ändern müsste

Elternzeit für Väter
© halfpoint / Depositphotos – Elternzeit für Väter: Rechtlich möglich, gesellschaftlich noch immer nicht selbstverständlich

Auf dem Papier haben Väter in Deutschland denselben Anspruch auf Elternzeit wie Mütter. In der Realität sieht es anders aus. Nur 1,8 Prozent der erwerbstätigen Väter waren 2024 tatsächlich in Elternzeit. Die Frage ist nicht, ob das ein Problem ist. Sondern warum – und was sich daran ändern lässt.

Wenn ein Vater ankündigt, Elternzeit zu nehmen, passiert oft etwas Merkwürdiges: Er wird gelobt. Manchmal beinahe bejubelt. Als wäre es eine außergewöhnliche Leistung, das zu tun, was Mütter seit Jahrzehnten ohne großes Aufsehen tun. Darin steckt das eigentliche Problem.

Die Zahlen, die wir nicht ignorieren sollten

Rund 46 Prozent der Väter beziehen inzwischen Elterngeld – fast doppelt so viele wie vor 15 Jahren. Das klingt nach Fortschritt. Ist es auch. Aber drei Viertel davon nehmen nur die zwei sogenannten Partnermonate, mit denen der volle Elterngeldanspruch ausgeschöpft ist. Zwei Monate. Frauen nehmen im Schnitt fast 15 Monate.

Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man schaut, wie lange Väter tatsächlich in Elternzeit sind: durchschnittlich 3,8 Monate. Und wer in Baden-Württemberg lebt, wo die durchschnittliche Bezugsdauer bei nur 3,3 Monaten liegt, liegt sogar noch darunter.

Das sind keine Vorwürfe. Das sind Zahlen, die zeigen, wie weit die Realität noch von dem entfernt ist, was sich laut Umfragen die Mehrheit der Paare eigentlich wünscht. 44 Prozent der Befragten einer repräsentativen Studie der Bertelsmann Stiftung sagen, sie würden eine gleichmäßige Aufteilung von je sieben Monaten bevorzugen. Gelebte Praxis ist das selten.

Nur 1,8 Prozent – woran liegt das?

Die ehrliche Antwort ist: an vielem gleichzeitig.

  • Geld. Väter verdienen in Deutschland im Schnitt mehr als Mütter. Das Elterngeld ersetzt 65 Prozent des Nettoeinkommens – bei einem höheren Ausgangsgehalt bedeutet das schlicht mehr finanziellen Verlust für die Familie. Das ist keine Schwäche von Männern, sondern eine Konsequenz des nach wie vor bestehenden Gender Pay Gaps.
  • Unternehmenskultur. Wer als Vater länger als zwei Monate Elternzeit beantragt, erntet in manchen Betrieben noch immer skeptische Blicke vom Chef. Manchmal wird nichts gesagt – aber die Botschaft kommt an. Karriere und Elternzeit gelten bei Männern immer noch als Widerspruch, bei Frauen als Normalität. Dass beides falsch ist, ändert nichts daran, dass es so wahrgenommen wird.
  • Erwartungsdruck. Von Müttern erwartet die Gesellschaft, dass sie da sind. Von Vätern erwartet sie, dass sie funktionieren – beruflich. Wer gegen dieses Bild ankämpft, braucht eine gute Portion Gleichgültigkeit gegenüber dem, was andere denken. Die haben nicht alle.
  • Gesetzliche Grenzen. Zwei Partnermonate reichen nicht, um wirklich etwas zu verändern. Studien zeigen: Erst wenn Väter vier bis sechs Monate in Elternzeit gehen, unterbrechen Frauen ihre Erwerbstätigkeit im Schnitt deutlich kürzer – rund acht statt fast zwölf Monate. Zwei Monate bringen für die Gleichverteilung kaum etwas.

Elternzeit für Väter: Was sich ändern muss

Hier muss man ehrlich sein: Einzelne Familien können die Strukturen nicht alleine verändern. Aber es gibt Stellschrauben.

  • Politisch braucht es mehr als zwei Partnermonate. Die Bertelsmann Stiftung schlägt mindestens vier vor, mit einem höheren Elterngeld, das den finanziellen Verlust abfedert. Dass das auch volkswirtschaftlich sinnvoll wäre – weniger Karrierebrüche bei Frauen, mehr Fachkräfte im Markt – ist längst belegt.
  • Betrieblich braucht es eine Unternehmenskultur, in der Väter in Elternzeit nicht als Ausnahme gelten, sondern als Teil des normalen Lebens. Das fängt damit an, dass Führungskräfte es vorleben.
  • Gesellschaftlich braucht es weniger Applaus für Väter, die zwei Monate zuhause bleiben – und mehr Selbstverständlichkeit für die, die es länger tun. Das Lob ist gut gemeint. Aber es signalisiert auch: Das ist nicht normal. Und genau das ist das Problem.

Nicht nur die Väter profitieren von Elternzeit

Längere Elternzeit ist kein Opfer. Studien der OECD zeigen: Väter, die von Anfang an Zeit mit ihrem Kind verbringen, sind auch langfristig stärker in der Familie präsent. Und Kinder profitieren – kognitiv und emotional – wenn beide Elternteile früh aktiv beteiligt sind.

Väter, die länger in Elternzeit gehen, arbeiten danach im Schnitt etwas weniger. Das klingt nach Verlust. Es kann aber auch bedeuten: mehr Zeit für die Familie, weniger Mental Load auf einer Seite, ein fairer verteiltes Familienleben.

Fazit

Elternzeit für Väter ist kein Frauenthema und kein Luxusproblem. Es ist eine Frage, wie wir als Gesellschaft Familienleben organisieren wollen – und wer dafür die Kosten trägt. Solange die Antwort automatisch „die Mutter” lautet, haben wir das Problem noch nicht verstanden.

Das ändert sich nicht von alleine. Aber es ändert sich – wenn genug Menschen aufhören, es als normal zu akzeptieren.

Mehr dazu, was Eltern im Alltag unsichtbar belastet: Mental Load in der Elternschaft und Emotional Load: Die stille Erschöpfung


QUELLEN: Statistisches Bundesamt 2024, Bertelsmann Stiftung 2025, OECD, IAB-Forum 2025

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